Fragen zur familienpsychologischen Begutachtung

FAQ: Familienpsychologie und Familienrecht

Die familienpsychologischen Begutachtung wird durch das zuständige Familiengericht (Abteilung des Amtsgerichts) oder den Familiensenat beim Oberlandesgericht angeordnet. Es ergeht ein Beweisbeschluß, dass ein familienpsychologisches Gutachten durch einen bestellten Sachverständigen zu einer bestimmten Fragestellung ausgearbeitet werden soll. Zusätzlich werden weitere Fragen durch das Familiengericht festgelegt und der Zeitrahmen zur Fertigstellung des Gutachtens. Das Familiengericht ist frei in der Auswahl des Sachverständigen, es muss nicht ein Sachverständiger aus der gleichen Region bestellt werden. Bei familienpsychologischen Gutachten werden in der Regel Psychologen oder Psychotherapeuten als Sachverständige herangezogen.
Die familienpsychologischen Gutachten werden vom Familiengericht in Auftrag gegeben. Folgende Fragestellungen sind häufig: Kindeswohl und Erziehungsfähigkeit: Untersuchung der erzieherischen Kompetenz von Elternteilen oder weiteren Bezugsperson des Kindes, bei Verdacht einer möglichen Kindeswohlgefährdung. Regelung des Sorgerechts und Aufenthaltbestimmungsrechts: Ausgestaltung der elterlichen Sorge oder der Teilbereiche der elterlichen Sorge nach Trennung oder Scheidung der Elternteile. Regelung des Umgangsrechts: Ausgestaltung des Umgangs des Kindes mit dem Elternteil, bei dem es nicht schwerpunktmäßig lebt.
Ausgehend von der Fragestellung des Familiengerichts entwickelt der gerichtlich bestellte Sachverständige einen Plan der Untersuchung. Bei den Fragestellungen zum Kindeswohl, zur Regelung der elterlichen Sorge und des Umgangs gehören folgende Bausteine regelmäßig zur Begutachtung: 1. Befragung der Bezugsperson des Kindes, in erster Linie Kindesvater und Kindesmutter 2. Befragung weitere Bezugspersonen des Kindes, die in dem Verfahren eine wichtige Rolle spielen (zum Beispiel neue Lebenspartner der Elternteile oder Großeltern) 3. Durchführung von Hausbesuchen, um die Wohnverhältnisse der Elternteile einschätzen zu können 4. Durchführung von Interaktionsbeobachtungen (Zusammentreffen des Kindes mit wichtigen Bezugspersonen, Beobachtung von Spielsituationen) 5. Durchführung von psychologischen Tests bei wichtigen Bezugspersonen des Kindes 6. Verhaltensbeobachtung und Durchführung von psychologischen Test bei dem zu untersuchenden Kind 7. Erhebung von zusätzlichen Daten durch Befragung von beteiligten Fachkräften (Jugendamt, Schule, Kindertagesstätte, Kinderarzt, Pflegestellen oder Heimeinrichtung)
Die umfangreichen und komplexen Fragestellungen zum Kindeswohl und zur Sorgerechtsreglung erfordern eine zeitintensive Diagnostik und Untersuchung. Begutachtung erstrecken sich daher über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Die Zeitdauer der Bearbeitung hängt auch mit der Arbeitsbelastung der Sachverständigen zusammen und mit der Anzahl der Personen, die im jeweiligen Gutachten befragt werden müssen. In unserer Praxis hat sich eine Bearbeitungsdauer von 4-7 Monaten langfristig etabliert.
Der Sachverständige kann auf Anfrage des Gerichts oder von sich aus bereits während der laufenden Begutachtung eine vorläufige Einschätzung abgeben. Diese Stellungnahme dient dem Gericht häufig als Ausgangspunkt für eine vorläufige Regelung, zum Beispiel bei akuten Kindeswohlgefährdungen. Die Stellungnahme hat nicht die Qualität eines Gutachtens, sie fasst aber bereits gewonnene Erkenntnisse zusammen, entwickelt vorläufige Hypothesen und schlägt dem Familiengericht entsprechende Maßnahmen vor.
Der vom Gericht bestellte Sachverständige ist verpflichtet, neutral und unparteiisch seine Erkenntnisse zu erheben und die gesamte Begutachtung objektiv durchzuführen. Der Sachverständige ist unabhängig, das Familiengericht setzt ihm einen allgemeinen Rahmen, macht aber keine inhaltlichen Vorgaben. Der Sachverständige ist auch unabhängig vom Jugendamt und erledigt seine Arbeit nach besten Wissen und Gewissen. Bei Zweifeln an der Neutralität des Sachverständigen können die beteiligten Parteien in einer Kindschaftssache einen Befangenheitsantrag gegen den Sachverständigen bei Gericht stellen. Das Gericht muss dann prüfen, ob es objektive Zweifel an der Unparteilichkeit des Sachverständigen gibt. Es reicht aber nicht aus, dass eine Partei sich ungünstig beurteilt fühlt, sondern es müssen erhebliche objektive Gründe vorliegen, die Zweifel an der Neutralität des Sachverständigen begründen.
Die Kindeseltern sind im Rahmen einer familienpsychologischen Begutachtung nicht verpflichtet, sich vom Sachverständigen begutachten zu lassen. Elternteile und andere Personen haben ein Aussageverweigerungsrecht, sodass sie nicht gezwungen werden können, sich der Diagnostik durch den Sachverständigen zu stellen. Der Sachverständige kann aber trotzdem sein Gutachten erstellen. Die Diagnostik und Exploration der beteiligten Kinder muss aber in jedem Fall sichergestellt werden, dies kann auch durch Zwangsmaßnahmen des Gerichts sichergestellt werden.
Im Rahmen der familienpsychologisches Begutachtung finden Hausbesuch bei den Elternteilen statt und auch Befragungen und Spielbeobachtung in der Praxis. Der Sachverständige ist hier frei, festzulegen welche Termine in welchem Umfang erforderlich sind. In der Praxis steht umfangreiches testpsychologische Material zur Verfügung und bestimmte Termine können in der Praxis organisatorisch besser abgewickelt werden. Es ist daher erforderlich, dass Elternteile Termine zur Diagnostik und Exploration in der Praxis in Kassel wahrnehmen. Häufig handelt es sich im Rahmen einer Begutachtung um 4-6 Termine.
Im Familienrecht gibt es grundsätzlich das Interesse, konfliktbelastete Streitigkeiten zwischen Elternteilen zur Frage der Ausgestaltung des Aufenthaltbestimmungsrechts und des Umgangsrechts friedlich beizulegen. Falls der Sachverständige Ansatzpunkte für eine Mediation oder ein Vermittlungsverfahren sieht, dann kann er das Familiengericht unterrichten. Es kann dann festgelegt werden, ob der Sachverständige selbst ein Einigungsversuch durchführt oder ob die Begutachtung unterbrochen wird, damit eine andere Fachkraft ein begrenztes Einigungsverfahren durchführt. Bei einer dem Kindeswohl entsprechenden Einigung der Elternteile kann dann auf eine weitere aufwändige Begutachtung verzichtet werden und der Sachverständige kann sich in einer Stellungnahme zu den Ergebnissen einer Mediation äußern.
Im Rahmen der familienpsychologischen Begutachtung kann unsere Praxis keine Wunschtermine anbieten. Es besteht eine Warteliste bei Begutachtungen, sodass wir Termine nach den Kapazitäten vergeben. Auf einzelne Anliegen kann dabei keine Rücksicht genommen werden. Bei zwingenden und nachgewiesenen Gründen einer Verhinderung (zum Beispiel langfristig gebuchte Urlaubsreise oder Erkrankung) kann eine Verlegung von Terminen der Begutachtung erfolgen.
Die Befragung und Begutachtung durch den Sachverständigen findet bei Elternteilen grundsätzlich ohne die Anwesenheit weiterer Privatpersonen statt. Verwandte oder Partner können daher nicht an der Befragung teilnehmen. Jeder Elternteil kann sich aber von seinem Prozeßbevollmächtigten begleiten lassen oder auch von einem gerichtlich bestellten Betreuer.
Unsere Praxis bietet bei der Befragung von Elternteilen oder anderen Beteiligten keine Kinderbetreuung an. Bitte erscheinen Sie daher nicht unaufgefordert mit einem Kind, da sonst eine ruhige und neutrale Befragung nicht durchgeführt werden kann. Die genauen Angaben zur Befragung können dem Anschreiben des Sachverständigen entnommen werden. Bei Fragen dazu wenden Sie sich bitte an unser Sekretariat.

Die familienpsychologischen Begutachtung ist aufwendig und zeitintensiv. Einzelne Teile der Diagnostik werden daher unter Aufsicht und Kontrolle des Sachverständigen durch sozialpädagogische und psychologische Hilfskräfte unserer Praxis durchgeführt. Alle Fachkräfte sind umfangreich qualifiziert, sie haben ein abgeschlossenes Studium der Sozialpädagogik, Sozialwesen oder Psychologie und werden regelmäßig fortgebildet. Der Einsatz der Hilfskräfte wird im Familengericht vorab mitgeteilt. Es gibt eine fallzuständige Hilfskraft, die in der Regel eingesetzt wird. Bei Verhinderung oder umfangreichen Terminen kommen weitere Fachkräfte hinzu. Die Fachkräfte schreiben Protokolle über ihre Diagnostik und diese Protokolle werden vom Sachverständigen ausgewertet und bei der Erstellung des Gutachtens berücksichtigt.
Der vom Gericht beauftragte Sachverständige konzentriert sich ausschließlich auf die Aufgabe der Erstellung des Gutachtens. Elternteile oder andere Bezugspersonen des Kindes werden daher weder beraten noch therapiert. Der Sachverständige muss die Neutralität einhalten und wird daher nicht zusätzlich als Berater oder Therapeut tätig. Der Sachverständige kann aber in seinem schriftlichen Gutachten Empfehlungen für notwendige zusätzliche fachliche Maßnahmen geben. Diese Empfehlungen können sich auf pädagogische, psychologische und psychotherapeutische Interventionen beziehen.
Die vom Sachverständigen festgelegten Termine zur Begutachtung sollten zeitgenau eingehalten werden. Wir führen eine Bestellpraxis, sodass am gleichen Tag noch weitere Begutachtungen oder Behandlungen durchzuführen sind. Bei einer längeren Verzögerung ist daher nicht mehr sichergestellt, dass der Termin noch durchgeführt werden kann. Der Sachverständige wird dann das Familiengericht über das Scheitern des Termins unterrichten und ein Ersatztermin ansetzen. Falls es zu einer Verzögerung bei der Anreise zum Sachverständigen nach Kassel kommt, dann unterrichten Sie bitte umgehend telefonisch unser Sekretariat oder sprechen eine Nachricht auf den Anrufbeantworter.




Der Sachverständige bittet Elternteile und andere wichtige Bezugsperson des Kindes um die Schweigepflichtsentbindung gegenüber Fachkräften und Institutionen. Es werden dann in der Regel fachliche Berichte eingeholt, um die Grundlage für die Begutachtung zu erweitern. Häufige Nachfragen erfolgen bei Kinderärzten, Kindertagesstätten, Heimeinrichtungen, Tagesstätten, Tagesmüttern und Schulen.
Der familienpsychologischer Sachverständige muss sich häufig mit Elternteilen auseinandersetzen, die das Kindeswohl nicht beachtet haben. Im Rahmen einer Begutachtung werden Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch aufgedeckt und dem Familiengericht berichtet. Einige Elternteile sind mit diesem Ablauf unzufrieden und sie fühlen sich falsch beurteilt. Auch nach einem rechtskräftigen Entzug der elterlichen Sorge zeigen sie keine Einsicht, sondern sie nutzen die Meinungsfreiheit im Internet, um über die beteiligten Fachkräfte negative Meinungen oder sogar Schmähungen zu verbreiten. Jeder Sachverständige, der langjährig tätig ist, ist mit diesem Phänomen konfrontiert. Das Familiengericht wählt die Sachverständigen anhand ihrer Qualifikation und Berufserfahrung sorgfältig aus. Daher können Sie davon ausgehen, dass viele angebliche Kritikpunkte, die in dubiosen Internetforen verbreitet werden, nicht zutreffend sind. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird hier missbraucht! Wir sind in Einzelfällen bereits erfolgreich auf die Betreiber von Foren zugegangen, um offensichtliche Lügen und Beleidigungen löschen zu lassen.



Der Sachverständige arbeitet im Auftrag des Familiengerichts und das schriftliche Gutachten wird am Schluss der Begutachtung dem Familengericht übermittelt. Das Familiengericht versendet Kopien an die an dem Verfahren beteiligten Personen: Kindeseltern, Verfahrensbeistand, Prozeßbevollmächtigte und das Jugendamt. Familiensachen sind nicht öffentlich, daher bekommt niemand Zugriff auf das Sachverständigengutachten. Der Sachverständige stellt von sich aus das Gutachten nicht anderen Personen oder Institutionen zur Verfügung.
Der Sachverständige berichtet über Stellungnahmen und das Gutachten dem Familiengericht. Insofern ist die Schweigepflicht partiell aufgehoben und Informationen, die von Elternteilen oder Fachkräften übermittelt werden, können für das Gutachten verwendet werden. Die Angaben werden aber nicht vom Sachverständigen an unbeteiligte Dritte weitergegeben. Die vom Sachverständigen eingesetzten Hilfskräfte unterliegen der Schweigepflicht und berichten lediglich dem Sachverständigen. Das sonstige Personal des Sachverständigen (Schreibkräfte und Sekretariat) unterliegt auch der Schweigepflicht und darf über die erhaltenen Informationen nicht nach außen berichten.
Hausbesuch im Rahmen der familienpsychologischen Begutachtung sind ein zentraler Baustein des Ablaufes. Der Sachverständige erkundet über Hausbesuche, wie die psychosozialen Verhältnisse und die Wohnumstände des Kindes sind, insbesondere bei Fragen einer Kindeswohlgefährdung. Ein Hausbesuch erfolgt aber nur mit schriftlicher Zustimmung des Elternteils. Bei der Zustimmung kann auch festgelegt werden, ob Fotos der Wohnung aufgenommen werden können. Diese Fotos werden für das Gutachten verwendet und dienen als zusätzlicher Nachweis. Eine Verweigerung von Hausbesuchen kann vom Sachverständigen entsprechend bewertet werden. Eine notwendige Diagnostik des Kindes kann vom Familiengericht über Zwangsmittel sichergestellt werden.

Die Fahrtkosten von Elternteilen zum Sachverständigen sind privat zu tragen. Bei einer nachgewiesenen Bedürftigkeit kann beim Familengericht beantragt werden, dass vom Gericht die Fahrtkosten übernommen werden.
Solche Fahrtkosten können auch noch nachträglich beantragt werden, unser Sekretariat stellt auf Anfrage einen Nachweis über wahrgenommene Termine aus.

Streitigkeiten vor dem Familengericht entstehen häufig nach Trennung und Scheidung der Elternteile. Beide Elternteile beanspruchen beispielsweise, dass das Kind den Lebensmittelpunkt bei Ihnen hat. Bei der familienpsychologischen Begutachtung sind die streitenden Parteien beide am Verfahren beteiligt. Das fertige schriftliche Gutachten wird daher über das Gericht sowohl dem Kindesvater als auch der Kindesmutter zur Verfügung gestellt. Der Sachverständige ist gehalten, alle relevanten Informationen in seinem Gutachten darzustellen und zu bewerten. Das Gutachten setzt sich auch mit Vorwürfen auseinander, die ein Elternteil gegen den anderen Elternteil gerichtet hat.