Ablauf der Begutachtung

Kriterien und Prozess der Begutachtung

 

Fragestellungen für die familienpsychologische Begutachtung

 

Bei der familienpsychologischen Begutachtung richtet sich die Fragestellung nach dem Beschluss des Familiengerichts. In diesem Beweisbeschluss werden die für das Familiengericht relevanten Aspekte formuliert. Ein familienpsychologisches Gutachten wird in Auftrag gegeben, falls nach einer Trennung der Elternteile ein Streit über den Lebensmittelpunkt der Kinder oder die Ausgestaltung des Umgangsrechts entsteht. Das psychologische Gutachten wird eine wesentliche Entscheidungsgrundlage für die danach erfolgende Entscheidung des Familiengerichts.

Die familienpsychologische Begutachtung wird auch in Kindschaftssachen mit Kindeswohlgefährdung eingesetzt. In diesen Fällen wird geprüft, ob zum Schutz des Kindes ein Eingriff in das Recht der elterlichen Sorge erforderlich ist, um das Kind vor Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung zu schützen.


Begutachtung zum Sorgerecht

Praxis Ritter und Gerstner: Ablauf der Begutachtung
Begutachtung für das Gericht

Bei diesen Begutachtungen geht es darum, dass nach Trennung oder Scheidung der Elternteile ein Streit darüber entstanden ist, wer das Sorgerecht oder Teile des Sorgerechts für die gemeinsamen minderjährigen Kinder übernimmt.

Das Familiengericht beauftragt den Sachverständigen mit der Fragestellung, wo der Lebensmittelpunkt des Kindes liegen soll. Auf Grundlage des Sachverständigengutachtens kann das Familiengericht über den Lebensmittelpunkt der Kinder, das Aufenthaltsbestimmungsrecht oder das gesamte Sorgerecht entscheiden.


Umgangsrecht

Das Familiengericht fragt im Beweisbeschluss, wie der Umgang eines minderjährigen Kindes zu dem Elternteil geregelt werden soll, bei dem es nicht schwerpunktmäßig lebt. Es geht darum, ob Umgang stattfinden kann oder dieser nur unter Auflagen oder Einschränkungen möglich ist. Das Familiengericht möchte eine psychologische Einschätzung, in welcher Form und in welchem Umfang der Umgang mit dem anderen Elternteil für das Kind kindeswohldienlich ist. Eine weitere Fragestellung ist die Überprüfung, ob ein Wechselmodell dem Kindeswohl dient. Bei dem Wechselmodell ist vorgesehen, dass Kinder gleichberechtigt bei beiden Elternteilen wohnen oder das Umgangsrecht über den üblichen Umfang hinaus ausgedehnt wird.


Erziehungsfähigkeit und Kindeswohl

 

Klaus Ritter: Scheidungsfolgen. Vortrag.
Das Trennungskind

Grundlage dieser Begutachtung ist § 1666 BGB. Es sind Zweifel entstanden, ob die Erziehung der minderjährigen Kinder dem Kindeswohl entspricht, oder ob eine Misshandlung, ein Missbrauch oder eine Vernachlässigung eingetreten ist. Das Gericht möchte vom Sachverständigen wissen, in welchem Umfang eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wo die Ursachen des Fehlverhaltens der Elternteile liegen und welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Kindeswohlgefährdung abzustellen oder zu begrenzen.

Das Gutachten beinhaltet die Beurteilung der Erziehungsfähigkeit von Eltern. Es wird außerdem gefragt, ob eine Notwendigkeit besteht, in die elterliche Sorge einzugreifen. Dies kann beinhalten, dass Elternteilen bestimmte Auflagen für die Erziehung gemacht werden oder es zu einer Fremdunterbringung des Kindes mit einem Entzug von Teilen der elterlichen Sorge kommt.


Hilfen für die Erziehung


Das Familiengericht fragt den Sachverständigen, ob und in welchem Umfang ambulante Maßnahmen der Jugendhilfe oder anderer fachlicher Bereiche notwendig sind, um dauerhaft eine Erziehung des Kindes zu gewährleisten, die dem Kindeswohl entspricht.


Leitlinie der Begutachtung: Kindeswohl

Bindung des Kindes zu den Eltern, Geschwistern und Bezugspersonen

Wie sicher oder unsicher ist die Bindung des Kindes zu den wichtigen Bezugspersonen? Wodurch sind unsichere Bindungsmuster entstanden und welche Konsequenzen haben Sie für das Kind?

Wille des Kindes

Gibt es einen gefestigten Kindeswillen? Welche Konstanz und Intensität hat der Kindeswille? Wodurch ist er entstanden? Gibt es Manipulationen durch Elternteile? Entspricht der Kindeswille dem Kindeswohl?

Erziehungseignung der Eltern

Können die Elternteile eine Erziehung leisten, die den Grundbedürfnissen des Kindes Rechnung trägt? Sind Elternteile in ihrer Erziehungskompetenz eingeschränkt? Gibt es eventuell Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit durch psychische Störungen, psychosoziale Umstände, somatische Erkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen oder dissoziale Entwicklungen? Sind Elternteile einsichtig bezüglich ihrer Defizite? Wie ist die Prognose bei den Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit?

Förderungskompetenz und Förderungsbereitschaft der Eltern

Welche fachlichen Hilfen sind notwendig, um relevante Gefährdung des Kindeswohls und Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit der Elternteile zu bessern? Sind Elternteile in der Lage, die Notwendigkeit von Hilfen zu erkennen und fachliche Hilfen auch anzunehmen? Stehen im pädagogischen und psychologischen Bereich adäquate Hilfsangebote zur Verfügung? Was kann aus dem bisherigen Verlauf der Hilfeplanung mit dem Jugendamt und anderen Fachkräften abgeleitet werden? Besteht eine Grundmotivation der Elternteile, über längere Zeit und systematisch fachliche Hilfen in Anspruch zu nehmen? Besteht eine Grundkompetenz, fachliche Hilfen auch dauerhaft zu verinnerlichen und in die eigene Persönlichkeitsstruktur zu integrieren?

Qualität und Kontinuität der Beziehungsmuster im Familiensystem

Welche Beziehungsmuster haben sich im Familiensystem entwickelt? Sind diese Bindungsstruktur dem Kindeswohl abträglich oder förderlich? Wie tiefgehend sind dysfunktionale oder pathologische Bindungen? Welche Schäden in der kindlichen Entwicklung sind durch diese Bindungsstrukturen ausgelöst worden?

Bindungstoleranz und Konfliktfähigkeit der Elternteile

Wie ist der Konflikt bei getrennten Elternteilen einzuschätzen? Welche Fähigkeit gibt es, die Rolle des jeweils anderen Elternteils anzuerkennen und eine gemeinsame Erziehung auszuüben? Gibt es Abwertungen und Feindbildprojektion? Wird der Umgang des Kindes mit dem anderen Elternteil manipuliert oder beeinträchtigt? Wie lässt sich eine Einschränkung der Bindungstoleranz beheben, welche fachlichen Hilfen sind angezeigt? Welche Ressourcen haben die Elternteile, um Konflikte zukünftig mit fachlichen Hilfen zu vermeiden? Welche Ansatzpunkte bietet eine Mediation?

Psychische Ressourcen: Fähigkeit der Elternteile zur Empathie und Introspektion

Wie ist die Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur der Elternteile einzuschätzen? Gibt es unbewältigte Traumata, schwere emotionale Mangelzustände oder andere Defizite in der Persönlichkeitsorganisation? Wie ist die Fähigkeit zur Frustrationstoleranz entwickelt? Wie ist die Fähigkeit entwickelt, sich empathisch in die Bedürfnisse der Kinder hineinzuversetzen und eigene Bedürfnisse dabei zurückzustellen? Wie ist die Fähigkeit entwickelt, in die eigene seelische Struktur zu schauen, dort Konflikte und Ambivalenzen wahrzunehmen und diese mit fachlicher Hilfe bearbeiten zu können? Gibt es grundlegende Störungen bei der Fähigkeit zur Empathie und Introspektion?


Vorgehen des Sachverständigen

Begutachtung durch den Sachverständigen Ritter
Befragung von Elternteilen

Der Gutachter hat den Auftrag, sich neutral und objektiv ein umfassendes Bild über die Verhältnisse der betroffenen Kinder und Eltern zu machen. Er soll aus psychologischer Sicht beurteilen und dem Familiengericht empfehlen, welche Regelung dem Kindeswohl am besten dient.

Der Sachverständige setzt dazu nach den Leitlinien der Begutachtung Termine in seiner Praxis und in den Wohnungen der Elternteile an, die dem jeweiligen Einzelfall gerecht werden.

  • Befragung: Befragung der Elternteile zur Vorgeschichte und zu ihrer Beziehung zum Kind.
    Beide Eltern werden in der Regel getrennt befragt. Außerdem können weitere familiäre Bezugspersonen (neue Lebenspartner der Elternteile, Geschwister und Großeltern des Kindes) ihre Sicht schildern.
  • Spiel: Das betroffene Kind soll sich über das Spiel und eine Befragung öffnen. Dafür steht in der Praxis ein spezielles Spielzimmer zur Verfügung.
  • Gemeinsame Spielkontakte: Der Sachverständige beobachtet das Zusammentreffen und die Interaktion des Kindes mit wichtigen Bezugspersonen (Elternteile und andere Erziehungspersonen).
  • Psychologische Tests: Mit dem Kind werden verschiedene kinderpsychologische Testverfahren durchgeführt. Außerdem können bei Elternteilen psychologische Tests eingesetzt werden, um die Bindungsfähigkeit und die Erziehungsfähigkeit zu überprüfen.
  • Beteiligung von Fachkräften: Anforderung von fachlichen Berichten oder Befragung von beteiligten Fachkräften und Einrichtungen, beispielsweise Jugendamt, Lehrer, Kinderärzte, Erzieher, Psychotherapeuten oder Beratungsstellen.
  • Hausbesuche: Besichtigung der Wohnverhältnisse und des sozialen Umfeldes des Kindes.

Zeitrahmen der Begutachtung

Die Begutachtung erstreckt sich bei umfangreichen Fragestellungen des Gericht in der Regel über mehrere Monate. Ein häufiger Zeitrahmen ist die Fertigstellung innerhalb von 4–6 Monaten. Die betroffenen Elternteile werden vom Sachverständigen schriftlich über die notwendigen Termine informiert.

Außerdem werden die Beteiligten über das jeweilige Aussageverweigerungsrecht unterrichtet. Die Elternteile sind verpflichtet, die Begutachtung ihrer Kinder zu ermöglichen. Bei einer Verweigerung von Terminen kommt es zu einer Verzögerung der Begutachtung, weil das Familiengericht Maßnahmen zur Sicherstellung der Begutachtung einleitet.

An der Begutachtung sind sozialpädagogische und psychologische Hilfskräfte  aus dem Praxisteam des Sachverständigen Ritter beteiligt, die einzelne Teile der Exploration (zum Beispiel Durchführung psychologischer Testverfahren oder Hausbesuche) übernehmen. Die Hinzuziehung von Fachkräften wird mit dem Familiengericht abgestimmt.

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