Praxis

Honorarkürzungen bei Psychotherapeuten

Kürzungen statt Hilfe: Warum die ambulante Psychotherapie vor dem Kollaps steht

In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen zunehmen und die Rede von „Entstigmatisierung“ allgegenwärtig ist, hat die Gesundheitspolitik ein paradoxes Signal gesendet: Zum 1. April 2026 werden die Honorare für ambulante Psychotherapie drastisch gekürzt. Während Patientinnen und Patienten oft monatelang auf einen Therapieplatz warten, wird denjenigen, die helfen, die wirtschaftliche Grundlage entzogen.

Der Hintergrund: Was wurde beschlossen?

Der sogenannte Erweiterte Bewertungsausschuss (E-BA) – ein Schiedsgremium aus Vertretern der Krankenkassen und der Ärzteschaft unter neutralem Vorsitz – hat entschieden, die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 % abzusenken.

Zwar wurde im selben Atemzug beschlossen, die sogenannten Strukturzuschläge um 14,25 % anzuheben, doch das ist für die meisten Praxen nur ein schwacher Trost. Experten der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) haben errechnet, dass unter dem Strich – selbst für Praxen, die die Zuschläge voll ausschöpfen können – eine Netto-Kürzung von ca. 2,3 % bis 2,8 % bleibt.

Die Begründung der Krankenkassen

Der GKV-Spitzenverband rechtfertigt diesen Schritt damit, dass Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren „überproportionale“ Honorarzuwächse im Vergleich zu anderen Arztgruppen erhalten hätten. Man wolle die Ressourcen innerhalb des Systems „effizienter verteilen“.

Warum wird protestiert?

Die Berufsverbände (wie die DPtV oder der bvvp) und die Kammern laufen Sturm gegen diese Entscheidung. Die Gründe für den Protest sind vielfältig:

  1. Inflation und Kostenexplosion: Wie alle anderen Unternehmen leiden auch Therapiepraxen unter massiv gestiegenen Mieten, Energiekosten und Personalausgaben. In einer Phase hoher Inflation die Gehälter bzw. Honorare real zu senken, ist wirtschaftlich für viele Praxen existenzbedrohend.
  2. Vergleich mit anderen Fachgruppen: Psychotherapeuten gehören ohnehin zur Fachgruppe mit den niedrigsten Honoraren in der vertragsärztlichen Versorgung. Laut BPtK erwirtschaften sie pro Arbeitsstunde etwa 50 % weniger als Hausärzte oder andere wohnortnahe Fachärzte.
  3. Zeitgebundene Leistung: Ein Chirurg kann im Zweifel schneller operieren oder mehr Patienten in die Sprechstunde schleusen. Eine psychotherapeutische Sitzung dauert jedoch in der Zeitdauer festgelegt. „Mehr Arbeit“ zur Kompensation von Verlusten ist physisch und zeitlich kaum möglich, ohne die Qualität massiv zu gefährden.
  4. Fehlende Wertschätzung: Die Kürzung wird als politisches Desinteresse an der psychischen Gesundheit der Bevölkerung gewertet.

Warum verschlechtert sich dadurch die Versorgungslage?

Die Leidtragenden sind am Ende nicht nur die Therapeuten, sondern vor allem die Patienten. Die Kürzungen wirken wie ein Brandbeschleuniger für bestehende Probleme:

  • Längere Wartezeiten: Wenn Praxen wirtschaftlich unrentabel werden, reduzieren Therapeuten ihre Kassensitze oder geben sie ganz auf. Schon jetzt warten Patienten im Schnitt 20 Wochen auf einen Therapiebeginn – diese Zeit wird sich weiter verlängern.
  • Flucht in den Privatsektor: Immer mehr qualifizierte Therapeuten entscheiden sich gegen eine Kassenzulassung und arbeiten ausschließlich mit Privatpatienten oder Selbstzahlern. Das schafft eine Zweiklassenmedizin: Psychotherapie bekommt nur noch, wer es sich leisten kann.
  • Praxissterben auf dem Land: Besonders in ländlichen Regionen wird es immer schwieriger, Nachfolger für Praxen zu finden. Wer investiert in eine ländliche Praxis, wenn das Honorar sinkt und die Kosten steigen?
  • Gefahr für den Nachwuchs: Die Reform der Psychotherapeutenausbildung ist ohnehin unterfinanziert. Die jetzigen Kürzungen machen den Beruf für junge Talente noch unattraktiver.

Fazit: Ein gefährlicher Sparkurs

Psychische Gesundheit ist kein Luxusgut, sondern die Basis für eine funktionierende Gesellschaft. Unbehandelte psychische Erkrankungen führen zu langen Krankschreibungen, Frühverrentungen und immensen Folgekosten im Sozialsystem. An der ambulanten Psychotherapie zu sparen, ist daher nicht nur unsozial, sondern auch ökonomisch kurzsichtig.

Weitere Informationen finden Sie im Ärzteblatt