Scheidungsfolgen: Vortrag zur Rechtspsychologie

Das Drama der Scheidung

Vortrag von Dipl.-Psych. Klaus Ritter

Das Drama der Scheidung
Scheidungsfolgen

Vortrag in der DPG-Arbeitsgruppe am Lou Andreas-Salomé Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Göttingen.

Der Vortrag vom 22.11.2017 beschäftigt sich mit der familienpsychologischen Begutachtung.

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Das Drama der Scheidung. Vortrag in der DPG-AG, Göttingen 22.11.17

 


Auszug aus dem Vortrag


„Die langfristigen Folgen der Scheidung sind davon gekennzeichnet, dass es zahlreiche
Paare auf Dauer nicht schaffen, ihre Trennung zu überwinden, sondern sie wird stattdessen in der Umsetzung von Liebe in Hass agiert und es kommt zu fortgesetzten Anschuldigungen, juristischen Folgekonflikten und Feindseligkeiten. Diese Eskalationen wirken sich nachhaltig auf die Kinder aus und Langzeitstudien zeigen, dass mindestens ein Viertel aller Kinder aus Scheidungsfamilien lang andauernde Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Viele Folgen zeigen sich verzögert im Erwachsenenalter, beispielsweise in ausgeprägten Bindungsstörungen.“


Überblick

In diesem Vortrag berichte ich Ihnen von meiner Tätigkeit als familienpsychologischer Sachverständiger. Im ersten Teil gibt es einen Überblick zu diesem Arbeitsfeld, im anschließenden zweiten Teil stelle ich die wesentlichen Aspekte der Begutachtung dar. Im dritten Teil geht es um die Entscheidung des Familiengerichts und im vierten abschließenden Teil stelle ich kurz eine Kindschaftssache dar.


 

Einleitung

 

Der Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer hat in einem Artikel im Spiegel 40/2017 über die Erfahrungen mit seiner eigenen Scheidung berichtet. Er beginnt mit der Aussage seiner Frau: „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir!“

Fleischhauer schreibt unter der Überschrift „Der Höllenritt“: „Für vie­le Men­schen ist eine Schei­dung die größ­te Ka­ta­stro­phe in ih­rem Le­ben, sie wis­sen es wie ich am An­fang nur noch nicht. Kein an­de­res Er­eig­nis hat, wenn es ei­nen schließ­lich er­eilt, solch ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen, von schwe­ren Un­fäl­len und Krank­hei­ten ein­mal ab­ge­se­hen. Al­les, wor­auf sich das ge­wohn­te Le­ben grün­de­te, wird mit ei­nem Schlag in­fra­ge ge­stellt. Ver­lo­ren ist die ge­sell­schaft­li­che und emo­tio­na­le Si­cher­heit, die eine Ehe mit sich bringt, selbst wenn sie un­glück­lich ver­läuft. Vie­les, was bis da­hin selbst­ver­ständ­lich er­schien, muss neu er­lernt wer­den. Fi­nan­zi­ell droht der Ruin.“

Der Autor entwirft ein apokalyptisches Bild: „Wer den völligen Zusammenbruch menschlicher Zivilisation erleben will, muss nicht nach Mali oder in den Sudan fahren. Es reicht, einen Tag an einem deutschen Familiengericht zu verbringen.“

Eine neue Kindschaftssache beginnt für mich als Sachverständigen damit, dass in unserer Praxis ein Paket eintrifft. Es enthält die vollständige Gerichtsakte und den förmlichen Beweisbeschluss des zuständigen Familiengerichts oder des Oberlandesgerichts. Die Beauftragung des Sachverständigen erfolgt gemäß § 358 ZPO und beinhaltet eine Fragestellung, deren Beantwortung dem Gericht bei der Entscheidungsfindung helfen soll.

Es handelt sich um Verfahren zur Regelung der elterlichen Sorge nach der Trennung bzw. Scheidung der Elternteile und um Umgangsstreitigkeiten. Die Sorgerechtsverfahren resultieren aus § 1671 BGB und die Umgangsverfahren beziehen sich auf die Paragrafen 1684 und 1685 BGB.

Weitere Begutachtungen beziehen sich auf Kindeswohlgefährdungen nach § 1666/1666a BGB. Bei diesem Verfahren geht es um Eingriffe in die elterliche Sorge, weil die Elternteile in ihrer Erziehung das Kindeswohl absichtlich oder durch Überforderung missachtet haben, beispielsweise durch Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung und Verwahrlosung. Diese Begutachtungen stelle ich hier nicht weiter dar, um mich stattdessen auf die Situation von Familien nach dem Scheitern der Ehe zu konzentrieren.

In Deutschland sind nach den für 2016 vorliegenden Angaben des Statistischen Bundesamtes ca. 162.000 Ehen geschieden worden, davon waren ca. 130.000 minderjährige Kinder betroffen. In den überwiegenden Fällen geht die Initiative für eine Scheidung von der Ehefrau aus. Das Ehescheidungsrecht ist durch die Reform im Jahr 1977 grundlegend gewandelt worden, dass bis dahin geltende Schuldprinzip ist durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt worden.

Die Scheidung wird in mehrere Phasen aufgeteilt. Die Ambivalenzphase bezeichnet das Stadium zunehmende Konflikte, die in eine Ehekrise münden. Typische Gefühle in dieser Phase sind Verlustangst, Depressionen und Hilflosigkeit, aber auch Eifersucht und Wut.

In der Trennungsphase kommt es zur räumlichen Trennung der Partner, ein Partner zieht beispielsweise aus und die Kinder verbleiben bei dem anderen Partner in der Wohnung. In dieser Phase wird die juristische Scheidung eingeleitet, die zu einem Kriegsschauplatz in den Fragen der Regelung des Sorgerechts, des Aufenthaltbestimmungsrechts, der Unterhaltsansprüche und der Aufteilung der materiellen Güter werden kann.

Die Nachscheidungsphase bezieht sich auf den Zeitraum nach der juristischen Scheidung. Sie ist von Desorganisation, Etablierung neuer Partnerschaften und Lebensverhältnisse und auch der Fortsetzung der Grabenkriege geprägt.

Die langfristigen Folgen der Scheidung sind davon gekennzeichnet, dass es zahlreiche Paare auf Dauer nicht schaffen, ihre Trennung zu überwinden, sondern sie wird stattdessen in der Umsetzung von Liebe in Hass agiert und es kommt zu fortgesetzten Anschuldigungen, juristischen Folgekonflikten und Feindseligkeiten. Diese Eskalationen wirken sich nachhaltig auf die Kinder aus und Langzeitstudien zeigen, dass mindestens ein Viertel aller Kinder aus Scheidungsfamilien lang andauernde Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Viele Folgen zeigen sich verzögert im Erwachsenenalter, beispielsweise in ausgeprägten Bindungsstörungen. Die Entwicklung der Kinder wird besonders dadurch negativ beeinflusst, dass es Eltern in der Nachscheidungsphase nicht gelingt, auf der Elternebene zu funktionieren und für die Kinder gemeinsame Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

In einer Langzeitstudie hat die Familiensoziologin Anneke Napp-Peters 150 Familien über 12 Jahre begleitet und Kinder, Mütter und Väter und neue Lebenspartner nach ihren Erfahrungen und Einstellungen befragt. Diese Studie ist 1995 publiziert worden und kommt auf Seite 145 zu dem Ergebnis: „Eine Scheidung ist für die meisten Erwachsenen und nahezu alle Kinder eine schmerzliche Erfahrung, unter der viele lebenslang leiden.“ (Napp-Peters, A.: Familien nach der Scheidung, München 1995).

Für die betroffenen Kinder entstehen durch die der Trennung vorhergehende Ehekrise oft unsichere Bindungen, deren Folgen von Kernberg wie folgt beschrieben werden: „D. h. also, eine unsichere Bindung, die sich aufgrund chronischer abnormaler Interaktion in der frühen Bindung entwickelt, verstärkt das negative Segment der Affekte und führt zu einer Verstärkung des aggressiven Teils des inneren Erlebens, das weiterhin die Spaltung benötigt. Und somit bleibt diese frühe Situation stabil und gelangt nicht zu einer normalen Integration. Hier haben wir also bei ab normaler Bindung ein wichtiges ätiologisches Element für die chronische Prädominanz des aggressiven Sektors bei der Entwicklung einer inneren Welt.“ (Kernberg, O. F.: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus, Stuttgart 2016, S. 51).

Der psychologische Gutachter wird vom Familiengericht bei streitigen Fällen eingeschaltet, bei denen die Elternteile konträre Anträge zur Ausgestaltung der elterlichen Sorge bzw. des Umgangs mit dem Kind gestellt haben. Ein typischer Beweisauftrag für den Sachverständigen lautet beispielsweise: „Welcher Lebensmittelpunkt für das Kind Anja Braun entspricht am meisten dem Kindeswohl?“ Oder: „Sollte das minderjährige Kind Peter Müller, dass bei der Kindesmutter in Bonn lebt, Umgang mit dem Kindesvater, der in Hamburg lebt, haben? In welchem Umfang entspricht der Umgang dem Kindeswohl?“

Das Kindeswohl ist das maßgebliche Entscheidungskriterium bei allen Verfahren zur elterlichen Sorge und zum Umgang. Für das Kindeswohl werden verschiedene Kriterien entwickelt: Förderungsgrundsatz, Bindungstoleranz, Erziehungskompetenzen, Kontinuitätsprinzip, Bindungen des Kindes und Wille des Kindes. Bei der psychologischen Begutachtung werden daher sowohl Kompetenzen und Ressourcen der Elternteile betrachtet als auch die psychische Entwicklung des Kindes. Weitere Bezugspersonen des Kindes können ebenfalls in die Diagnostik einbezogen werden.

Die Anfangsszene der Begutachtung ist, wie bereits ausgeführt, die Gerichtsakte. Sie liefert eine erste Fantasie, wie hoch streitig das Verfahren bereits geführt worden ist. Zahlreiche Anträge, Anhörungen oder fachliche Berichte sind in der Gerichtsakte enthalten und das bloße Gewicht der Akten liefert eine Impression, womit ich mich als Sachverständiger in den nächsten Monaten zu beschäftigen habe. Bisherige Spitzenreiter in meiner Karriere war ein Akteninhalt von 6 kg.

Zu dem Bereich familienpsychologische Begutachtung bin ich in der Anfangszeit meiner Berufstätigkeit als Psychologe gekommen, als ich in der Kasseler Erziehungsberatungsstelle von einem Familiengericht angefragt worden bin, ob ich nebenberuflich Begutachtungen durchführen kann. Dies war 1991 und seitdem bin ich kontinuierlich als Sachverständiger tätig. In den 26 Jahren der Begutachtung bin ich von ca. 65 Familiengerichten und Oberlandesgerichten beauftragt worden, und bisher habe ich etwa 1200 Begutachtungen durchgeführt. Mit einigen Familiengerichten haben sich langjährige intensive Kooperationen ergeben, für diese Gerichte wird man der bevorzugte Sachverständige. Die Diagnostik für das psychologische Gutachten dauert in der Regel 4-6 Monate mit einer Vielzahl von Explorationen und das schriftliche Sachverständigengutachten hat einen durchschnittlichen Umfang von 100-150 Seiten.

Die wesentlichen Arbeitsschritte der familienpsychologischen Begutachtung sind eine strukturierte Exploration der Elternteile (mit biografischer Anamnese) und weiterer Bezugspersonen des Kindes in der Praxis des Sachverständigen. Daneben werden mehrere Hausbesuche durchgeführt, um die Wohnsituation und die Lebensumstände kennenzulernen. Mit Fachkräften werden informatorische Anhörungen durchgeführt, beispielsweise mit dem Jugendamt, Familienhelfern oder Beratungsstellen.

Die gesamte Diagnostik ist umfangreich und zieht sich über Monate hin, um die Entwicklung der Elternteile und des Kindes über einen längeren Zeitraum beobachten zu können.


 

Schwerpunkte der Exploration innerhalb der familienpsychologischen Begutachtung

 

Der juristischen Auseinandersetzung geht die Trennung der Liebenden voraus. Ihre Zuneigung wandelt sich und mündet in Konflikten miteinander, auf der Ebene der Familie und in sozialen Gruppen. Ein quälender Prozess der Entfremdung führt dazu, dass es zu einer Scheidung kommt und der einstmals private Akt der Intimität schließlich einer administrativen Betrachtung unterworfen wird. Mit der Trennung sind aber die wechselseitigen Wünsche und Ansprüche nicht erloschen, sie wirken als Introjekte in den Subjekten nach, die sich auch auf neue Partnerschaften auswirken.

Trennungserfahrung der Kindheit und Trennungtraumatisierungen der eigenen Lebensgeschichte werden bei dem Scheitern der Paarbeziehung reaktualisiert und in dieser hochgradigen Verdichtung ermöglicht das juristische Verfahren die Fortsetzung die Fortsetzung Ehekrise: Wer hat recht? Wer wird Gewinner, wer ist der Verlierer?

Verteilungsmasse in diesem Kampf sind zum einen die Regelungen um Geld und Unterhalt, zum anderen aber auch die Verfügung über das gemeinsame Kind. Das Familienrecht kennt kein Verschuldungsprinzip mehr, jeder darf sich scheiden lassen, auch gegen den dezidierten Willen des Partners.

Die Moral und die Aggression kommen aber über die Hintertür, denn die unbewusste Erwartung an das Familiengericht ist, dass der eigenen Version der Trennung offiziell gefolgt wird, die Schuldzuweisungen übernommen werden und der frühere Partner auf der Ebene der Erziehung des gemeinsamen Kindes sanktioniert wird. Dies führt zur Heftigkeit vieler Verfahren vor dem Familiengericht, da im Grunde Schuld verhandelt werden soll. Der Familienrichter soll für diese Zwecke instrumentalisiert werden.

In ähnlicher Weise wird vom familienpsychologischen Sachverständigen unrealistisch erwartet, dass er die subjektiven Verletzungen, die innerhalb der Paarbeziehung entstanden sind, versteht, diese zumindest ansatzweise heilen soll und sie als Grundlage dafür nimmt, den Ex-Partner zu sanktionieren. Ich soll folglich Therapeut, Richter, Polizist und Mediator in einem sein.

Diese unbewussten Erwartungshaltungen werden im familiengerichtlichen Verfahren umfangreich frustriert. Leitlinie der Begutachtung ist eine psychologische Ausdeutung des Kindeswohls, die dem Sachverständigen obliegt. Mit seiner Empfehlung weist der Sachverständige dem Familiengericht einen Weg, das Kindeswohl zu fördern und gleichzeitig Elternrechte mit zu beachten.

In dem Schlachtfeld, das bei diesen hochstreitigen Verfahren regelhaft entsteht, bewege ich mich als Gutachter wie in der Rolle eines Detektives, der die verborgenen Wahrheiten ans Licht holen soll. In dieser Rolle stelle ich Ihnen nun einige Suchscheinwerfer auf. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse entspringen einem diagnostischen psychologischen und psychotherapeutischen Vorgehen, sie müssen aber auch am Schluss in eine andere Sphäre, nämlich die Justiz, übertragen werden können.


 

Wie lebt das betroffene Kind?

Die Trennung des Paares beinhaltet räumliche Veränderungen. Der Lebensmittelpunkt des Kindes ist häufig schwerpunktmäßig bei einem Elternteil oder es besteht ein Wechselmodell, dass das Kind gleichberechtigt aufteilen soll. In dieser Stelle werde ich in den Alltag der beiden Elternteile hineinsehen: Wie sind die Wohnverhältnisse? Wie ist das Kinderzimmer? Wie ist die Freizeitgestaltung des Kindes?

Hier ist die Fragestellung wichtig, ob dem Kind eine Autonomieentwicklung geboten wird oder ob es für die emotionalen Bedürfnisse eines Elternteils eingeschränkt wird. Hier ist es wichtig, in der Diagnostik die tatsächlichen Verhältnisse im Alltagsleben durch Hausbesuche zu dokumentieren und auch die Berichte von Kindertagesstätte, Hort und Schule einzuholen.


 

Parentifizierung und elterliches Entfremdungssyndrom

Mit dem Scheitern der Paarbeziehung richtet sich ein erweitertes Begehren auf das Kind. In vielen Begutachtung stellt sich heraus, dass das Kind in einer überfordernden emotionalen Bedeutung für den verlassenen Elternteil gehalten wird. Eine typische Fallkonstellation ist die enttäuschte und nun alleinerziehende Ehefrau, die ihrem Kind die Rolle als Partnerersatz zuweist. Frauen haben es nach dem Scheitern der Ehe häufig schwer, einen adäquaten Partner zu finden, sie sind tief in ihren Gefühlen verletzt, in ihrer Attraktivität verunsichert und zusätzlich durch das Kind in der Partnersuche eingeschränkt. Demgegenüber erlebe ich in vielen Kindschaftssachen, dass der verlassene oder getrennte Mann schnell Objekt einer mütterlichen-begehrenden Zuwendung wird und mit dieser neuen Partnerin eine willkommene Verstärkung erhält.

Das Kind wird Gegenstand einer Manipulation, indem es zum einen in die Rolle eines bedeutsamen Partners gehoben wird und mit Intimitäten überschüttet wird, die entwicklungspsychologisch unangebracht sind. Als Partnerersatz hat das Kind den hauptsächlich erziehenden Elternteil zu verstehen, zu stützen und exklusiv für ihn da zu sein. Dies äußert sich auch häufig in überzogener körperlicher Annäherung oder in der Etablierung eines gemeinsamen Schlafzimmers von Kind und hauptsächlich erziehenden Elternteil. Lieblingsfragen von mir an das Kind: Wo schläfst du? Wie häufig schläfst du mit Mama oder Papa im Bett? Möchtest du auch in deinem Zimmer schlafen?

Viele Prozesse der Ablösung und der Autonomieentwicklung werden die Parentifizierung behindert. Weiteres Thema dieser symbiotisch ausgerichteten Interessengemeinschaft ist die Ablehnung des anderen Elternteils. Die besondere Exklusivität und Zuwendung, die das Kind erfährt ist mit der Auflage verbunden, den anderen Elternteil als Aggressor oder Täter zu sehen.

Der manipulierende Elternteil und das symbiotisch gebundene Kind haben das vordergründige gemeinsame Interesse, sich vom Familiengericht und dem Gutachter nicht in die abgeschottete Trutzburg schauen zu lassen.

Das Ausmaß der Parentifizierung ist vielfältig und erschreckend und grundsätzlich dem Kindeswohl abträglich. Die Fragestellung des Gutachters, ist daher, welcher Elternteil weniger dem Modus der Parentifizierung folgen wird.

Aus der Parentifizierung erfolgt häufig eine Manipulation des Kindes gegen den anderen Elternteil, der Umgang begehrt. Umgang wird vereitelt oder erschwert. Das Kind wird instrumentalisiert, um sich am ehemaligen Partner für subjektive Verletzungen zu rächen. Der Expartner wird so weit wie möglich in seiner Bedeutung als Elternteil relativiert und aus dem Leben des Kindes verbannt. Die dabei angewandten Entfremdungsstrategien führen im Kind zu einem psychisch extrem belastenden Loyalitätskonflikt.


 

Bindungstoleranz

Mit der Bindungstoleranz ist die Fähigkeit eines Elternteils gemeint, die Bindungen des Kindes zum anderen Elternteil oder zu wichtigen Bezugspersonen zu respektieren, zu fördern und psychisch zu integrieren.

Die Bindungstoleranz ist ein entscheidendes Kriterium, bei welchem Elternteil das Kind leben sollte und wer zentrale Teile der elterlichen Sorge erhält. Die Bindungstoleranz ist häufig deutlich eingeschränkt, weil man den früheren Partner nicht in seiner Ambivalenz und in dem gemeinsamen Scheitern der Paarbeziehung akzeptieren kann, sondern nur in seiner vermeintlichen Destruktivität. Dies führt dazu, dass dem Kind der Zugang zu diesem Elternteil schwergemacht werden soll. Hierzu gibt es die unterschiedlichsten Mechanismen, deren explorative Aufdeckung große Mühe machen kann. Das Kind lebt hauptsächlich bei einem Elternteil und soll den anderen Elternteil möglichst ungestört im Rahmen von Umgangskontakten besuchen und dort seine Beziehung zu ihm ausbauen. Stattdessen agiert der bindungsintolerante der Elternteil mit zahlreichen Manipulationen. Die Anwesenheit des Kindes bei dem anderen Elternteil wird dem Kind als eine Verursachung seelische Nöte des sorgeberechtigten Elternteils dargestellt. Dieser Elternteil macht sich übertriebene Ängste, er kann sich kaum noch anderen Dingen zuwenden, es geht ihm während der Abwesenheit des Kindes schlecht und in der Folgezeit treten psychosomatische Reaktionen auf. Dem Kind wird hierdurch die unbewusste Botschaft vermittelt, dass es seine Hauptbezugsperson schädigt, weil es sich dem anderen Elternteil zugewandt hat. Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte und psychische Störungen bei dem Kind sind die Folge.

Nach der Durchführung eines Umgangskontakts wird das Kind häufig einem Verhör unterzogen, um Beweise dafür zu sammeln, dass es dem Kind dort nicht gut ging oder es zu einem erzieherischen Fehlverhalten des anderen Elternteils gekommen ist. Beliebt sind hier Aspekte einer körperlichen Misshandlung, einer unterlassenen Hilfeleistung bei gesundheitlichen Problemen oder der Verdacht von sexuellen Übergriffen.

Die Fähigkeit der Bindungstoleranz ist eng gekoppelt an die Kompetenz zur Triangulation und der psychischen Verarbeitung der Trennung. Der Gutachter wird hier fragen, wie es um diese Fähigkeiten bei den beiden Elternteilen bestellt ist und wer Einsicht oder Leidensdruck entwickelt hat.


Kooperationsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit

In der Gerichtsakte finden sich regelhaft Ansätze von fachlichen Hilfen: Bei den Elternteilen wurden Psychotherapien durchgeführt, es wurde die Erziehungsberatungsstelle aufgesucht, eine sozialpädagogische Familienhilfe war als Unterstützungsmaßnahme vor Ort, es gab Ansätze zur Mediation und das Jugendamt war beteiligt. Als Sachverständiger interessiert mich, welche psychischen Veränderungen die jeweiligen fachlichen Maßnahmen erbracht haben: Wer hat was gelernt und wie äußert sich dies im Umgang mit dem Kind?

Dazu kann ich mir eine Schweigepflichtsentbindung geben lassen und jeweils die schriftlichen Berichte der Einrichtung analysieren, aber auch die involvierten Fachkräfte aufzusuchen, um zu fragen wie, der Hilfeverlauf jenseits der schriftlichen Darstellung tatsächlich war. Hier gilt es, eine Bühne zu betreten und auch hinter die Kulissen zu schauen. Ich renne meistens offene Türen ein, da die Fachkräfte selbst zahlreiche und oft jahrelange Erfahrungen mit dem Familiensystem gesammelt haben, die sie nur zu gern kommunizieren wollen. Vereinzelt gibt es aber auch ideologische Konflikte, weil die zuständigen Fachkräfte oder Institutionen sich in ihrem Konzept nicht infrage stellen lassen wollen. Die familiäre Dynamik der Trennung spiegelt sich folglich in der Positionierung der Fachkräfte.

Probehalber kann ich mit den Elternteilen Maßnahmen durchgehen, die bei einer bestimmten Aufteilung der elterlichen Sorge erforderlich werden. Hier geht es um die glaubwürdige Darstellung, ob bestimmte fachliche Hilfsmaßnahmen überhaupt in Anspruch genommen werden und wie es um die Motivation bestellt ist. Die Maßnahmen können sich dabei auf fachliche Hilfen direkt für die Elternteile beziehen, auf die Aufarbeitung der Paarbeziehung oder es geht um Interventionen für das Kind. Für das Kind ist es erforderlich, mehr Abstand zum elterlichen Schlachtfeld zu gewinnen und mittels pädagogischer oder psychologischer Einrichtungen emotional korrigierende Erfahrungen sammeln zu können.

Der Sachverständige kann auch seine Diagnostik ausweiten und zeitlich verlängern, um die Ergebnisse der von ihm vorgeschlagenen pädagogischen, psychologischen oder psychotherapeutischen Maßnahmen abzuwarten.


Die Bühne ist bereitet: Die Verhandlung vor dem Familiengericht

 

Nach Vorlage des schriftlichen Sachverständigengutachtens erhalten die beteiligten Elternteile, deren Rechtsanwälte, der Verfahrensbeistand und das Jugendamt die Gelegenheit, sich schriftlich zu den Empfehlungen des Gutachters zu äußern. Danach kommt es zur Entscheidung in der ersten Instanz und als Vorbereitung dient die Sitzung des Familiengerichts. Familienrecht ist grundsätzlich nicht öffentlich, sodass diese Verhandlungen nicht von unbeteiligten Personen aufgesucht werden können. Bei Unzufriedenheit mit der Entscheidung der ersten Instanz kann die Beschwerdeinstanz angerufen werden, das zuständige Oberlandesgericht.


 

Die gemeinsame elterliche Sorge als Regelmodell

Der Gesetzgeber hat die gemeinsame elterliche Sorge als ein regelhaftes Modell etabliert. Dies bedeutet, dass auch nach Trennung und Scheidung das Sorgerecht weiterhin gemeinsam von beiden Elternteilen in allen wichtigen Fragen ausgeübt werden soll. Eine Aufteilung der elterlichen Sorge soll nur erfolgen, falls die Kommunikationsbasis zwischen den Elternteilen grundlegend gestört ist und eine Annäherung nicht plausibel zu erwarten ist. Das Regelmodell ist ein idealtypisches Konstrukt, das für streitige oder hoch streitige Fallkonstellationen wenig taugt.

Es befriedigt aber den Wunsch vieler Fachkräfte und auch des Familiengerichts, eine gemeinsame Basis der Elternteile erreichen zu wollen. Dies führt aber dazu, dass beide Elternteile mit der Ausübung der elterlichen Sorge beauftragt werden, aber faktisch nicht in der Lage sind, zu schwierigen Fragen der Erziehung einen Konsens zu entwickeln, beispielsweise zu der Gesundheitssorge, der schulischen Entwicklung oder der Religionsausübung des Kindes. Diese Überforderung mündet darin, dass es zu juristischen Folgeverfahren kommt. Der Auftrag an die Elternteile, die frühere Paarebene deutlich von den Anforderungen der Erziehung zu trennen, kann nicht eingelöst werden und die notwendigen Absprachen enden in einem Eklat von Schuldzuweisung. Das Ziel der gemeinsamen elterlichen Sorge wird verfehlt, nämlich dem Kind den Eindruck zu vermitteln, dass seine Eltern wieder zu seinen Gunsten Absprachen miteinander treffen können.


 

Das schöne Wechselmodell

Manche Gutachter und auch etliche Familienrichter favorisieren das Modell, bei dem nach der Trennung der Elternteile das Kind jeweils 50 % der Zeit bei einem Elternteil verbringt und die anderen 50 % bei dem anderen Elternteil. Das Wechselmodell funktioniert aber nur unter idealtypischen Bedingungen des niedrigen Konfliktniveaus. Häufig produziert dieses Modell einen starken Loyalitätskonflikt des Kindes und führt dazu, dass das Kind bei beiden Elternteilen nicht richtig zu Hause ist, sondern ständig in Bewegung und Aufbruch ist. Das Kind lebt in Unruhe und kann weder bei Kindesmutter noch bei Kindesvater eine Alltagskontinuität entwickeln und einen adäquaten Freundeskreis aufbauen.


 

Die schöne Einigung

Aufgrund der Überlastung der Familiengerichte wird darauf hingearbeitet, dass es auf Grundlage der Empfehlungen des Gutachtens zu einer Einigung der Elternteile kommt. Diese wird aber häufig nicht ausreichend fachlich begleitet, sodass eine wirkliche innere Akzeptanz zu den Regelungen nicht entsteht, sondern eine Verschiebung der Konflikte auf neue Felder. Dies kann beispielsweise dazu führen, dass eine vom Gericht forcierte Einigung in der Frage des Aufenthaltbestimmungsrechts später zu heftigen Konflikten im Bereich des Umgangs führt.


 

Was kann ein Gutachten erreichen?

Unter psychodynamischen Gesichtspunkten kann das Familiengericht dafür sensibilisiert werden, schädigende Bindungsmuster zu erkennen und dem Kind Freiräume für seine Autonomieentwicklung zu gewähren. Die Aufteilung der elterlichen Sorge sollte daher regelhaft mit Empfehlungen für Elternteile verbunden werden, bestimmte fachliche Hilfen für sich bzw. das Kind in Anspruch zu nehmen. Das Gericht sollte ermutigt werden, seine Möglichkeiten als korrigierender Dritter offensiv einzusetzen und den Elternteilen Vorgaben für die Ausgestaltung der elterlichen Sorge und des Umgangs zu machen. Bei hochstrittigen Fällen dienen Regelungen als eine Absicherung der Abläufe und sie können auch Folgekonflikte begrenzen.

Als ein besonders wichtiger Aspekt meiner Arbeit sehe ich die Anhörung von Fachkräften, beispielsweise im Jugendamt. Über die Arbeit am einzelnen Fall hinaus werden hier Sichtweisen der psychoanalytischen Persönlichkeitstheorie und Entwicklungspsychologie exemplarisch zum Thema gemacht und und dies prägt die weitere Arbeit des Jugendamtes. In ähnlicher Weise setzen Familienrichter Erkenntnisse einer Begutachtung für weitere Familiensachen um. Ich lege dabei besonderen Wert auf die Analyse der Bindungsstruktur zwischen Kind und Elternteil und auf die Frage von Bindungstoleranz und Parentifizierung. In der Arbeit des Sachverständigen entsteht häufig eine große Kontinuität in der Zusammenarbeit. Für etliche Familiengerichte habe ich jeweils mehr als 50 Begutachtungen durchgeführt.

Als Sachverständiger bleibt man häufig einer Familiensache verbunden, weil das Gericht in der Folge Ergänzungsgutachten in Auftrag gibt oder eine neue Begutachtung zu einer anderen Fragestellung. Aus einer Begutachtung zur Fragestellung Sorgerecht folgt häufig eine Beauftragung zur Umgangsregelung. Neben Elternteilen können sich auch weitere Bezugspersonen des Kindes, beispielsweise die Großeltern, melden, um ihren Kontakt zum Kind juristisch klären zu lassen.


 

Beispiel einer Kindschaftssache mit der Fragestellung Sorgerechtsregelung

 

In der Kindschaftssache Müller fragt das Familiengericht den Sachverständigen: Ist im Hinblick auf die wechselseitigen Vorwürfe der Kindeseltern eine Kindeswohlgefährdung gegeben? Welche Sorgerechtsregelung dient dem Wohl des betroffenen Kindes am besten?

Die Elternteile waren von 2003 bis 2015 zusammen und aus der Ehe ist der 2004 geborene Sohn Michael hervorgegangen, der aktuell bei der Kindesmutter lebt. Die Ehe der Eltern ist in 2015 gescheitert und sie sind inzwischen geschieden.

Der Kindesvater drängt darauf, dass über die bestehende Umgangsregelung hinaus der Sohn Michael zu ihm kommt. Er ist sich sicher, dass seine Frau als junge Erwachsene in einem Pornofilm mitgewirkt habe und sie habe außerdem nicht die Fähigkeit, dem Sohn Regeln und Grenzen zu setzen. Die Kindesmutter habe außerdem psychische Auffälligkeiten, sie könne seinen Medienkonsum nicht begrenzen und lasse den Sohn über ihre Vergangenheit absichtlich im Unklaren.

Die Kindesmutter schildert, dass der Kindesvater die Umgangskontakte missbrauche, um den Sohn gegen sie zu beeinflussen. Er berichtet dem Sohn, dass die Mutter Drogen nehme, sie habe an einem Pornofilm mitgewirkt und habe sich angeblich kosmetischen Operationen unterzogen. Der Kindesvater kümmere sich um den sportlichen Bereich von Michael. Der Sohn gehe gerne besuchsweise zum Vater. Ihr Exmann bedränge sie jedoch häufig und er sei Ende letzten Jahres in ihre Wohnung eingedrungen und habe sie verbal sexuell belästigt.

Beide Elternteile leben jeweils in Mietwohnungen in der gleichen Stadt, neuer Partnerschaften haben sie seit 2015 nicht gehabt.

Die Begutachtung ergibt, dass der Kindesvater eine zwanghafte Fixierung auf angebliche moralische Verfehlungen der Kindesmutter entwickelt hat. Er legt bei den Befragungen Screenshots angeblicher Pornofilme vor, auf denen die Kindesmutter als junge Frau zu erkennen sein soll. Die Sichtung diese Aufnahmen im Rahmen der Begutachtung ergibt jedoch keine Ähnlichkeiten zwischen der Darstellerin und der Kindesmutter, was der Kindesvater auf die angeblichen kosmetischen Operationen der Kindesmutter zurückführt.

Der Kindesvater räumt ein, dass er mit dem Jungen über das angebliche Fehlverhalten der Kindesmutter gesprochen habe, und ihn vor der Vergangenheit seiner Mutter gewarnt habe. Er habe sich Sorgen um seinen Sohn gemacht und habe deshalb die Kindesmutter mehrmals unabgesprochen aufgesucht und ihr Vorwürfe gemacht.

Michael wirkt angesichts der heftigen Vorwürfe des Kindesvaters verunsichert. Sein Vater, der in früher oft zum Fußballtraining begleitet hat, ist sein großes Vorbild. Er fragt sich, ob die Mutter tatsächlich in einem pornografischen Film mitgewirkt habe. Er zieht sich sozial zurück, seine schulischen Leistungen verschlechtern sich und schwankt in seinem Verhalten zu seiner Mutter. Er erlebt seine Mutter als einsam und tröstet sie. Andererseits widersetzt er sich Regeln und Vorgaben. Er zieht sich in sein Zimmer zurück, und beschäftigt sich exzessiv mit problematischen Videospielen. Befragt zu seinem Willen gibt er an, dass er sich nicht entscheiden könne, bei wem erleben wolle. Sein Vater brauche ihn aber mehr als die Mutter.

In dem Gutachten wird kritisiert, dass der Vater seinen Sohn mit unangemessenen Inhalten konfrontiert und damit die Entwicklung seiner männlichen Identitätsbildung erschwert. Frauen werden in dem Kosmos des Kindesvaters als einerseits schwach und andererseits unkontrolliert triebhaft dargestellt. Dem Kindesvater war vorzuhalten, dass er seine unbewiesenen Vermutungen bezüglich des pornografischen Films dem Kind vermittelt hat und Michael dadurch in seinem Vertrauen zur Mutter verunsichert worden ist. Michael leidet erkennbar unter seinem Loyalitätskonflikt. Dem Kindesvater wird eine schwere Einschränkung seiner Bindungstoleranz attestiert.

Frau Müller, die Kindesmutter, ist durch die ständigen moralischen Vorwürfe ihres Partners verunsichert und zeigt ein starkes Schamerleben. Für die Pubertätsentwicklungen von Michael steht sie nur eingeschränkt zur Verfügung, fachliche Hilfen hat sie sich bisher nicht gesucht.

Die Partnerschaftsstruktur war davon bestimmt, dass Herr Müller zwar einen mittleren Bildungsabschluss hat, sich aber in einem technischen Beruf nicht halten konnte. Er baute stattdessen einen Internethandel auf, der mäßig lief. Innerhalb der Ehe versuchte er, seine Frau zu dominieren und befriedigte offenbar seine Größenfantasien über den regelmäßigen Konsum von pornografischen Inhalten im Internet, kombiniert mit regelmäßigem Kiffen. Herr Müller hatte in seiner Kindheit eine dominante Mutter erlebt, während der Vater als schwach und abwesend dargestellt worden ist. In seiner Pubertät hatte er verschiedene Frauenbeziehungen, im Rückblick sieht er Partnerinnen als primitiv, promiskuitiv und manipulativ. Er fühlt sich von Frauen ausgenutzt und unterstellt ihnen mangelnde Fürsorglichkeit. Dieses Defizit nimmt er auch durchgängig für den Umgang der Kindesmutter mit Michael an.

Herr Müller betonte, dass er keine fachlichen Hilfen benötige, seine Paarbeziehung mit Frau Müller habe er längst aufgearbeitet. Hier wurde eingeschätzt, dass sich der Kindesvater nur oberflächlich kooperativ und lernfähig zeigte und auch die seelischen Defizite und Nöte seines Sohnes nicht erkennen konnte.

In der Gesamtwürdigung wurde Herrn Müller eine schwere Beeinträchtigung der Erziehungsfähigkeit attestiert und eine mangelnde Verarbeitung der Trennungskonflikte. Die Exfrau hatte ihn verlassen und daher wehrte er diese Verlusterfahrung durch die moralische Abwertung seiner Frau als vermeintliche Pornodarstellerin ab. Dieses Frauenbild vermittelte auch seinem Sohn über die Umgangskontakte nach der Trennung, sodass eine Ausübung der elterlichen Sorge durch den Kindesvater nicht empfohlen wurde.

Die Sozialisation von Frau Müller war davon geprägt, dass ihr Vater an einer Erkrankung starb, als sie zehn Jahre alt war. Danach lebte sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die einen strengen und einengenden Erziehungsstiel zeigt. Später hatte die Mutter einen neuen Lebenspartner, der ein starkes Alkoholproblem entwickelte und Selbstmord beging, als Frau Müller 16 Jahre alt war. Frau Müller reagierte damals darauf mit einem Rückzugsverhalten und einer depressiven Symptomatik. Im beruflichen Bereich absolvierte sie eine Ausbildung als Krankenschwester. Beziehungserfahrungen mit Männern sammelte sie kaum und mit 19 Jahren lernte sie Herrn Müller kennen. Innerhalb dieser Ehe ließe sich stark von ihrem Mann dominieren.

Eine gemeinsame Kommunikationsbasis der Elternteile wurde nicht gesehen, sodass eine Ausübung der gemeinsamen elterlichen Sorge nicht infrage kam. Dem Familiengericht wurde empfohlen, das Sorgerecht insgesamt auf die Kindesmutter zu übertragen und festzulegen, dass bei Michael eine Kinderpsychotherapie durchgeführt wird. Für den Kindesvater und die Kindesmutter wurden ebenfalls psychotherapeutische Maßnahmen vorgeschlagen.

Zur Ausgestaltung der Umgangsregelung wurde empfohlen, dass Michael zunächst für zwei Jahre keinen persönlichen Umgang mit dem Kindesvater erhält, damit sich seine Bindung zur Kindesmutter stabilisieren kann und er in Ruhe eine Kinderpsychotherapie aufnehmen kann. Ein Austausch sollte zunächst nur in schriftlicher Form durchgeführt werden.

Die erste Instanz, das Familiengerichts beim zuständigen Amtsgericht, ist dieser Empfehlung des Sachverständigen gefolgt und in der Beschwerdeinstanz, dem Oberlandesgericht, zeigte sich der Kindesvater weiterhin unzugänglich und uneinsichtig. Er bekundete deutlich, dass er den Sohn auch weiterhin ohne Absprache aufsuchen werde und er den Sohn über angebliche neue Verfehlungen der Kindesmutter unterrichten werde. Der Sohn sei bald alt genug um die Wahrheit zu erkennen. Das Oberlandesgericht bestätigte die Entscheidung der ersten Instanz zur Sorgerechtsregelung und folgte damit der Empfehlung des Sachverständigen.

In diesem Fallbeispiel hat Michael psychische Gewalt erlebt und eine Identifikation mit dem Aggressor, dem Kindesvater, vollzogen. Dazu schreibt Matthias Hirsch in seinem Buch „Mutter und Söhne – blasse Väter. Sexualisierte und andere Dreiecksverhältnisse“: „Durch die Introjektion der Gewalt entsteht ein traumatisches Introjekt, das nicht wie freundliche Über-Ich-Inhalte assimiliert werden kann, von dem man sich aber auch nicht trennen kann (…). “ (Hirsch, M., Gießen 2016, S.  119)

Die Identifikation mit dem Aggressor vollzieht sich in bestimmten kulturellen und geschlechtsspezifischen Bahnen. Sie führt zu einer fatalen transgenerationalen Weitergabe der ungelösten Scheidungskonflikte. Es ist die Aufgabe des Sachverständigen, die Entstehung und Ausbreitung dieser malignen Fremdkörper im Selbst zu begrenzen.


Zum Autor

Klaus Ritter
Klaus Ritter

Dipl.-Psych. Klaus Ritter
Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker
Christbuchenstr.  18
34130 Kassel
www.ritter-gerstner.de
info@ritter-gerstner.de

 

 

 

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